Lorch. Seit einem Jahr bietet die Pflegeschule in Lorch für Auszubildende, deren Muttersprache nicht Deutsch ist und anderen, die ihre Sprache verbessern wollen, das Sprachentwicklungskonzept bILSE an.

(b)ILSE
ist…

ein Programm zur Förderung der Lern- und Sprachentwicklung. Die Schule stellt donnerstags die letzten beiden Unterrichteinheiten (1,5 Stunden) Zeit für Individuelles Lernen zur Verfügung. Es gibt zwei Gruppen und es besteht Anwesenheitspflicht für alle.

Wofür steht (b)ILSE?
(b)ILSE heißt …
begleitete Individuelle Lern- und SprachEntwicklung und richtet sich an alle Auszubildende, die Deutsch nicht als Muttersprache gelernt haben und an alle, die ihre Sprache während der Ausbildung weiter entwickeln möchten.
Die Gruppe wird begleitet von Frau Karin Wagner, Ergotherapeutin, erfahrene Pflegepraktikerin und Mitglied im Kriseninterventionsteam.
Individuelle und ausbildungsrelevante Themen werden angesprochen, das sind Themen und Inhalte, die sich unmittelbar aus der Ausbildung bzw. dem Arbeitsplatz ergeben wie zum Beispiel die Kommunikation am Telefon, die Pflegedokumentation oder der Smalltalk mit Bewohnern und Angehörigen.

ILSE steht für Individuelles Lernen in Selbstorganisation und Eigenverantwortung
Das bedeutet, dass zeitgleich alle anderen Auszubildenden interessegeleitet ausbildungsrelevante Themen üben, wiederholen bzw. bearbeiten. Das kann gemeinsames Lernen in Kleingruppen z.B. die Vorbereitung auf eine Lernerfolgskontrolle, die Erstellung einer Hausarbeit aber auch das praktische Üben in der Lernwerkstatt sein. Zentral ist, was für die einzelnen Auszubildenden aktuell am wichtigsten erscheint. Das kann auch ein Gespräch mit KurskollegInnen bei einer Tasse Kaffee sein. Während der ILSE-Zeiten besteht immer auch die Möglichkeit sich bei der Kursleitung oder den anwesenden Lernbegleiterinnen ein anlassbezogenes Beratungsgespräch durch Terminvereinbarung einzuholen.
Die Teilnehmenden sollen nach Abschluss des Kurses

- eine erhöhte Sprachfähigkeit und mehr Selbstbewusstsein empfinden
- selbstorganisierte Zeit als Chance für Ihr individuelles Lernen innerhalb der Ausbildung erkennen
- (b)ILSE als Ort der Sicherheit und als „Türöffner“ für eine erfolgreiche Ausbildung erleben
- eine stabile Teilnehmergruppe während des gesamten Schuljahres haben, nachdem sich alle Interessierten verbindlich angemeldet haben
- sich durch (b)ILSE auch in anderen Unterrichten häufiger im Unterricht beteiligen
- auch in der Praxis merken, wie es ihnen leichter fällt auf Andere zu zugehen, Fragen zu stellen, etwas umzusetzen und so weiter…

Interview mit der (b)ILSE - Lernbegleiterin Karin Wagner zur ersten Erfahrung mit der Umsetzung des Programms
Das Angebot der Sprachförderung läuft nun seit einem Jahr in zwei Kursen.
Mit welchen Schwierigkeiten kommen die Teilnehmenden zur (b)ILSE?
Was die meisten Teilnehmer mir erzählt haben war, dass sie ein Problem hatten mit spontanen Gesprächen mit Angehörigen, mit einem Telefonat, mit Ärzten oder Therapeuten oder wenn es um einen Krankentransport ging. Es war auch ein großes Problem, dass sie aus dieser großen Textmenge im Unterricht nicht das Wichtige herausfiltern konnten, weil es am Sprachverständnis einfach gefehlt hat.

Wie würden Sie die Lernatmosphäre in der (b)ILSE beschreiben?
Wunderbar, es ist einfach total entspannt. Sie sind alle total gelassen, Schüler, wo ich aus dem Unterricht nicht wusste, ob sie eine Stimme hatten, haben da eine Stimme und erzählen wie ein Buch. Man spricht auch mal was Privates, es ist überhaupt keine Unterrichtsatmosphäre, es ist ein nettes Miteinander.

Sie haben sich auch ein Feedback von den Teilnehmenden eingeholt. Was sagen die einzelnen Teilnehmenden über ihren persönlichen Lernerfolg bezüglich ihrer Sprachfähigkeit? Gibt es eine spürbare Verbesserung?
Fast alle haben einheitlich beantwortet, dass, wenn sie jetzt sprechen, egal in welchem Kontext, sie nicht mehr überlegen müssen, was sie sagen müssten, sondern, dass es einfach aus ihnen herauskommt. Sie sagen, dass sie überhaupt keine Sprachhemmung mehr haben und auch im Unterricht besser mitarbeiten können, weil diese Sprachhemmung nicht mehr da ist.

Und berichten die Teilnehmenden diesbezüglich auch von Erfolgen in der Praxis?
Auf jeden Fall. Sie werden von den Anleitern und auch von den Bewohnern gelobt, dass sie sich sprachlich unheimlich verbessert haben. Sie treten auch freier und selbstsicherer auf.

Was motiviert Sie weiterhin die Teilnehmenden in der (b)ILSE zu begleiten?
Weil ich Menschen kennenlernen durfte, vor denen ich einen wahnsinnigen Respekt habe. Ich bekomme schon wieder Gänsehaut, wenn ich daran denke. Menschen, die weg von zuhause sind, weg von der Familie. Als junge Menschen weg aus dem Bekanntenkreis, gehen sie in ein völlig fremdes Land und sind hier dermaßen motiviert. Das ist so schön, sie zu begleiten, das ist was, das geht so ans Herz. Das ist was ganz Tolles, weil da steckt kein Druck dahinter, wie es in der Schule im Unterricht ist, es wird eine Klausur geschrieben, es wird abgefragt, sondern es ist eine ganz andere Ebene, es ist so unkompliziert. Und die Leute sind alle mit Herzblut dabei.

Und Sie auch!?
Auf jeden Fall!

Gibt es eine nette Begebenheiten aus (b)ILSE, die Sie gerne erzählen möchten?
Ja, ich frage die Schüler immer, was Ihnen noch wichtig ist, was wir besprechen sollen. Und da hat mich ein Schüler angesprochen, dass er ein Problem hat, wenn ein Bewohner verstirbt, wie er dann den Angehörigen gratulieren soll zum Todesfall. Und da hab ich ihn erstmal aufgeklärt, dass es kondolieren heißt und nicht gratulieren. Wir haben dann alle herzlich gelacht und nochmal darüber gesprochen wann man gratuliert und wann man kondoliert.
Frau Wagner, vielen Dank und weiterhin viel Erfolg mit (b)ILSE!

Das Interview führte Sybille Rommel, Diakonisches Institut für Soziale Berufe Kloster Lorch.

Bilse